Schützenswerte Kulturlandschaft

Seehausen – Damit hatten die Organisatoren nicht gerechnet. Über 30 Interessierte nahmen am zweistündigen Spaziergang rund um Riedhausen teil, zu dem die Bürgerinitiative „Heimat 2035“ eingeladen hatte. Das Ziel: die Augen zu öffnen für eine organisch gewachsene, besonders schützenswerte Kulturlandschaft zwischen Staffelsee und Riegsee – gerade im Hinblick auf die geplante Umfahrungsstraße.
„Ich möchte darauf aufmerksam machen, wie die Landschaft, in der wir uns heute bewegen, seit der Bronzezeit geschätzt, genutzt und geformt worden ist, wobei unsere Fantasie gefragt ist, denn die archäologischen Denkmäler sind kaum oder oft gar nicht mehr zu sehen – aber dennoch sind sie da“, weiß die in Seehausen lebende Archäologin Andrea Pirson. Sie wurde als Fachfrau für die Exkursion gewonnen.
Als Startpunkt der Tour wählt sie ein weithin sichtbares Denkmal, die St. Mauritius-Kapelle in Riedhausen. Der Ursprung des Mitte des 14. Jahrhunderts auf einer kleinen Erhebung unweit einer Römerstraße errichteten Kirchleins mit seinen bedeutenden Fresken liege im 9. Jahrhundert – seit mehr als 1000 Jahren werde an dieser Stelle Gottesdienst abgehalten, so die Expertin. Die Exkursionsteilnehmer zeigen großes Interesse am selten zugänglichen Innenraum der Kapelle – das ermöglicht Anwohner Georg Schmötzer, der viele zusätzliche Informationen gerne weitergibt. Dass im einst neben der Kapelle stehenden Gartenhaus Käthe Kruses Tochter Sophie einige Zeit gewohnt und die Knetmasse „FIMO“ erfunden hat – auch das dürfte eher Insiderwissen sein.
Unweit der geplanten Umgehungsstraße verlief die Römerstraße als Nebentrasse der Via Claudia Augusta – sie heißt heute noch so. Jetzt marschiert der Zug der Exkursionsteilnehmer dort entlang. Die über Jahrhunderte bedeutsame Handelsroute von den Alpen Richtung Norden verläuft entlang des Bahndamms, was Pirson zur Bemerkung veranlasst: „Die Führung der heutigen Bahntrasse parallel zur historischen Straße zeigt, dass auch Verkehrswege der Moderne auf gewachsene Strukturen aufbauen können, ohne sie zu zerstören.“
Am Ende der Siedlung öffnet sich der Blick Richtung Staffelsee mit seiner archäologisch bedeutsamen Insel Wörth, auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Höhenrücken erkennbar. Hier demonstriert die Archäologin anhand von Kartenmaterial des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege die Dichte der eingezeichneten archäologischen Bodendenkmäler. Darunter sind auch viele Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit, sie sind teilweise immer noch im Gelände nachvollziehbar, dienten auch den Römern schon als Landmarken. Ein ausgesprochen fundreiches Gebiet für bronzezeitliche Objekte, in dem auch das sogenannte „Riegseeschwert“ entdeckt wurde.
Interessant ist der Hinweis der Fachfrau auf in der Landschaft sichtbare, parallel verlaufende Bodenwellen. „Hier handelt es sich um sogenannte Hoch- oder Wölbäcker, Relikte des Ackerbaus, entstanden ab dem frühen Mittelalter durch Eisenpflüge, die die Ackerkrume nur in eine Richtung wenden konnten. Das sind eng mit der traditionellen Lebensweise verbundene Kulturdenkmäler, die zudem zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Region beitragen.“ Auch südöstlich des kleinen Forstes an der Eichweide, im unmittelbaren Einzugsgebiet der angedachten Umgehungsstraße, können Spaziergänger noch Spuren solcher Wölbäcker erkennen.
An der prominenten Eiche, der das Siedlungsgebiet seinen Namen verdankt, beendet Pirson ihren Rundgang. Der Organisator, Dr. Felix Groß aus Hagen, hat Flyer der Bürgerinitiative „Heimat 2035“ mitgebracht. Diese setzt sich für eine zukunftsfähige Verkehrsplanung ein, die Mensch, Natur und Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt. Viele dafür nun sensibilisierte Exkursionsteilnehmer nehmen sie gerne mit.
BARBARA JUNGWIRTH
Weitere Neuigkeiten und Artikel
Neuigkeiten aus der Initiative, aktuelle Entwicklungen zur geplanten B2-Trasse sowie Presseberichte und Medienstimmen auf einen Blick.



